Auch während der Osterwoche dauern die Gewaltexzess gegen soziale Aktivist*innen in Kolumbien an. Im Zeitraum vom 25. bis 30. März 2018 bezahlten mindestens sechs Menschen ihr politisches Engagement mit dem Leben.

„Wir haben die Schmerzen noch nicht überwunden und schon kommen neue hinzu.“ Mit diesen Worten klagt der Regionalrat der Indigenen im Cauca (CRIC) den Mord an Hector Janer Latin aus Corinto im Departamento Cauca, im Südwesten Kolumbiens, an. Der indigene Aktivist wurde in der Abenddämmerung des 30. März in der Nähe eines Kontrollpunkts der Armee von Unbekannten erschossen, als er mit dem Motorrad von Corinto nach El Guanábano unterwegs war. Nur wenige Tage zuvor, am 25. März, hatten Einheiten der Polizei und der Armee in einer gemeinsamen Operation das Dorf El Palo, in der Nähe von Corinto, gestürmt  „Nach offiziellen Angaben sollte ein Haftbefehl vollstreckt werden. Wie die Organisation indigener Gemeinden ACIN berichtet, wurde dort gerade ein Markt beendet, Aktivisten von Landbesetzungen waren ebenfalls präsent. Willkürlich sei in die Menge geschossen worden. Dabei wurde ein Jugendlicher durch einen Kopfschuss getötet und viele weitere Personen verletzt. Aktuell schweben noch sechs Personen in Lebensgefahr“, berichtet Amerika21.

Die im Regionalrat der Indigenen im Norden des Cauca (CRIC) zusammengeschlossen indigenen Gemeinden kämpfen seit Jahren für den Erhalt und die Erweiterung ihres kollektiven Territoriums und gegen Zuckerrohrgroßproduzenten, die das Land für sich beanspruchen. Seit dem Friedensabkommen zwischen kolumbianischer Regierung und FARC, wehren sie sich außerdem verstärkt gegen verschiedene bewaffnete Gruppen, die das indigene Territorium für ihre Aktivitäten zu besetzen versuchen. In den vergangenen Wochen haben paramilitärischen Gruppen, wie die Autodefensas Gaitanistas de Colombia (AGC) den indigenen Aktivist*innen immer wieder offen mit dem Tod gedroht.

Die indigenen Aktivist*innen sind nicht die einzigen, die während der Osterwoche für ihr soziales und politisches Engagement mit dem Leben bezahlten. Ebenfalls im Cauca wurde am 30. März der Menschenrechtsaktivist Belisario Benavides Ordóñez ermordet. Unbekannte feuerten vier Schüsse auf ihn ab als er sein Haus in der Gemeinde Rosas zusammen mit seinem 3-jährigen Sohn und einem 12-jährigen Neffen verließ. Benavides Ordóñez, der sich als Mitglied des Opferausschusses der Gemeinde für die Rechte der Opfer des bewaffneten Konflikts einsetzte, war selbst vor fünf Jahren gewaltsam vertrieben worden.

Fast zeitgleich wurde im Departamento Meta, im Osten Kolumbiens, die Kokabäuerin María Magdalena Cruz Rojas erschossen. Am 30. März, gegen 21 Uhr, tauchte eine Gruppe bewaffneter Vermummter auf ihrem Hof auf und tötete sie vor den Augen ihrer Familie mit einem Kopfschuss. Señora Elena, wie sie von ihren Nachbar*innen genannt wurde, war Anführerin der Bewegung zur Substitution Kokapflanzungen in ihrer Gemeinde und nahm selbst am Kokasubstitutionsprogramm teil, das Ergebnis des Friedensabkommen zwischen der FARC-Guerilla und der kolumbianischen Regierung ist. Sie bereits ist die 31 Aktivist*in des Kokabauernverbandes COCCAM die seit Start des Substitutionsprogramm im Mai 2017 ermordet wurde. Außerdem war María Rojas Teil des kommunalen Aktionsrats in ihrer Nachbarschaft und setzte sich für die Aufklärung und Rückgabe von illegal angeeignetem Grundbesitz in der Gemeinde Mapiripán ein. Mapiripán erlangte im Juni 1997 traurige Berühmtheit, als Paramilitärs unter Mithilfe der kolumbianischen Armee in einem fünftägigen Massaker rund 50 Menschen bestialisch foltern und hinrichteten. Auch 20 Jahre nach dem Massaker ist Mapiripán noch weit von Aufklärung und Wiedergutmachung entfernt. Nur wenige Geflüchtete konnten auf ihr Land zurückkehren und diese sind mit einer veränderten Realität konfrontiert, in der das Geschäft multinationaler Unternehmen mit Ölpalmen die Region dominiert und paramilitärische Gruppen weiterhin präsent sind.

Bereits am 25. März waren in der Region Bajo Cauca, im Nordosten des Departementos Antioquia, zwei kleinbäuerliche Aktivisten Opfer des anhaltenden bewaffneten Konflikts geworden. Víctor Alfonso Zabala Ovierdo der sich als Präsident des kommunalen Aktionsrats in der Nachbarschaft El Rizo am Koka-Substitutionsprogramm beteiligte, wurde in der Gemeinde Caucasia von bewaffneten Männern getötet. Jorge Miguel Polanco Ávila, ehemaliger Vorsitzender des kommunalen Aktionsrats in der Nachbarschaft Caño Prieto, wurde am selben Tag von Unbekannten in den ländlichen Bereich von Caucasia verschleppt, wo sie ihn mit einem großkalibrigen Gewehr hinrichteten. In der Region Bajo Cauca kämpfen verschiedene bewaffnete Gruppen, wie die Autodefensas Gaitanistas de Colombia (AGC) oder die Caparrapos um die Vorherrschaft, Kokaanbaugebiete und Handelsrouten. Menschenrechtsaktivist*innen aus der Region werfen der Armee vor die Präsenz der paramilitärischen AGC in der Region zu dulden: „Wir glauben, dass es unmöglich ist, dass sich (die Paramilitärs) so nahe an einer Militärbasis bewegen, ohne dass dies bemerkt wird. (…) Wir glauben, dass der Staat in Teilen des Bajo Cauca momentan Geisel der Paramilitärs von der AGC ist“, fasst ein Sprecher der Menschenrechtsorganisation CCEEU die Situation zusammen.

Seit Jahresbeginn sind über 2000 Menschen aus der in Region geflüchtet.

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