Dies ist eine Übersetzung eines Textes von den Nasa- Indigenen aus dem Cauca (CRIC), Zum besseren Verständnis hat der Übersetzer den Text mit einem Vorwort eingeleitet.    Vorwort des Übersetzers

Der folgende Artikel handelt von den aktuellen Kämpfen Indigener gegen kapitalistische Landnahme im südkolumbianischen Departamento Cauca. Er vergleicht diese mit den Kämpfen der Maschinenstürmer*innen zu Beginn der Industrialisierung in Großbritannien. Der Artikel wurde auf Spanisch auf der Internetseite des Regionalrats der Indigenen im Cauca (CRIC) veröffentlicht. Verfasst wurde er vom kolumbianischen Kollektiv ,,Centro de Comunicación y Educación Popular“ (Zentrum der populären Kommunikation und Bildung). Ausschlaggebend für die Auswahl des Artikels war, dass er die indigene Bewegung Kolumbiens in eine lateinamerikanische und globale Perspektive einordnet. Er knüpft an Diskurse an, die nicht zuletzt durch die Veröffentlichungen David Harveys [1] und Silvia Federicis [2] auch im deutschsprachigen Raum wieder vermehrt geführt werden (vgl. u.a. Klaus Dörre [3]). Namentlich geht es um den von Karl Marx beschriebenen Prozess der sogenannten „ursprünglichen Akkumulation“ des Kapitals. Dieser beschreibt die gewaltsame Durchsetzung kapitalistischer Produktionsformen gegen die Bevölkerung, wie sie für die Entstehungszeit des Kapitalismus in Europa charakteristisch war. Anders als es der Begriff nahelegt, handelt es sich dabei jedoch nicht um ein historisch abgeschlossenes Phänomen. Enteignung und Landnahme sind bis heute wichtige Motoren der Kapitalakkumulation. Lange Zeit fanden diese Prozesse vorwiegend außerhalb der kapitalistischen Zentren, in der sogenannten ,,Dritten Welt“ statt, wo sie einfacher durchzusetzen waren. Spätestens seit der Wirtschaftskrise ab dem Jahre 2008 sind sie aber auch in Europa und den USA wieder häufiger zu beobachten [4].

Um den folgenden Artikel auch im deutschsprachigen Kontext verständlich zu machen, ist eine kurze Darstellung der Geschichte des Kampfes der Indigenen im Cauca nützlich:

Das Departamento Cauca im Südwesten Kolumbiens ist die Region mit der zweitgrößten indigenen Population in Kolumbien – hier leben rund 250.000 Menschen, die sich als Indigene verstehen [5]. Auf Grundlage der kolumbianischen Gesetzgebung von 1890 und der Verfassungen von 1991, die den indigenen Gemeinschaften weitreichende Rechte bei der territorialen, politischen und juristischen Selbstbestimmung zuspricht, existieren im Cauca 84 indigene Reservate, mit einer Gesamtfläche von 5.312 Quadratkilometern. Die mit Abstand größte indigene Gruppe im Cauca sind die Nasa, auch Paez genannt, mit über 160.000 Angehörigen.

Die Vertreibung der Indigenen im Cauca von ihrem kollektiven Land – und der Widerstand dagegen – reicht zurück bis in die Zeiten der spanischen Invasion im 16. und 17. Jahrhundert. Insbesondere gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts eigneten sich Großgrundbesitzer, wie die Mosquera, Zambrano, Valencia und Arboleda mit illegalen Mitteln und Gewalt große Gebiete des indigenen Territoriums im Cauca an. Eine weitere große Enteignungswelle folgte Mitte des 20. Jahrhunderts während des kolumbianischen Bürgerkriegs, der sogenannten „La Violencia“ (Die Gewalt), sowie in den 1960er Jahren durch die gestiegene Nachfrage nach kolumbianischem Zuckerrohr, das wegen der Blockadepolitik der USA nicht mehr aus Kuba bezogen werden konnte. [6] In den 1970er Jahren verweigerten sich die Indigenen im Cauca der kolumbianischen Agrarreform. Im Zuge dieses Kampfes gründete sich 1971 der Regionalrat der Indigenen im Cauca (CRIC), der seitdem die Wiederaneignung der indigenen Territorien auf die Agenda gesetzt hat.

Als Antwort auf Angriffe des kolumbianischen Militärs und die Morde paramilitärischer Gruppen an indigenen Aktivist*innen im Norden des Cauca, gründete sich dort in den 1970er Jahre mit dem ,,Movimiento Armado Quintín Lame“ (Bewaffnete Bewegung Quintin Lame) eine indigene Guerilla.[7] Ende der 1980er Jahre entschloss sie sich im Zuge eines Friedensprozesses mit dem kolumbianischen Staat, gemeinsam mit anderen Guerillaorganisationen, die Waffen niederzulegen. Politische Bedingung für ihre Demobilisierung war die Beteiligung an einem verfassungsgebenden Prozess, in dessen Zuge weitreichende Autonomierechte für indigene Gruppen in der kolumbianischen Verfassung festgeschrieben werden konnten, die heute ein wichtiges Instrument im indigenen Kampf darstellen.

Eine Verschärfung des indigenen Kampfes kündigte sich im Jahr 2008 an. In Mitten der Regierungszeit des rechtsautoritären Präsidenten Álvaro Uribe Vélez, der bis heute die politische Symbolfigur der paramilitärischen Rechten in Kolumbien ist, erhoben sich zehntausende Indigene im ganzen Land und marschierten in die Großstädte Cali und Bogotá. Diese erste kolumbienweite indigene Großmobilisierung, die sich gegen die Politik der Vertreibung und Tötung unter der Regierung Uribe richtete, stärkte die indigene Bewegung kolumbienweit und legte die Grundlage für weitere nationale Mobilisierungen in den folgenden Jahren. Der Cauca ist bis heute eines der Zentren dieser Mobilisierungen geblieben.

Am 14. Dezember 2014 gingen die Indigenen im Cauca in eine weitere Offensive: Zu Hunderten stiegen sie im Norden des Departamentos von den Hängen der zentralen Andenkordillere herab, um sich die Ebene des Cauca-Tals anzueignen. Bis heute finden regelmäßig solche kollektiven Aktionen zur „Befreiung der Mutter Erde“ („Liberación de madre tierra“) statt. Dabei kommen sie aus ihren Rückzugsräumen in den Bergen herunter und zerstören die Zuckerrohrmonokulturen der Großgrundbesitzer. An ihrer Stelle pflanzen sie traditionelle Pflanzen wie Mais. Den im CRIC zusammengeschlossenen Gemeinden geht es bei diesen Aktionen nicht um eine private Aneignung der Gebiete, ihr Ziel ist die Einrichtung kollektiven und demokratisch verwalteten Landbesitzes, als Lebensgrundlage für die hier lebenden Gemeinschaften. Der zerstörerischen Ausbeutung von Naturressourcen durch Agrar- und Bergbaukonzerne setzen sie einen sozialverträglichen und bewahrenden Umgang mit der Natur entgegen.

Während die Indigenen bei ihren Aktionen lediglich mit Stöcken und Macheten bewaffnet sind, stehen auf Seiten der Konzerne und Großgrundbesitzer polizeiliche Spezialeinheiten und das Militär. Regelmäßig kommt es deshalb zu schweren Verletzungen und Toten auf Seiten der Protestierenden. Parallel dazu werden die Aktivist*innen der indigenen Bewegung von Paramilitärs bedroht und ermordet.


Boden, Kultur und indigene Autonomie:

Ist es möglich den Kapitalismus rückgängig zu machen?

Zwischen den Anhänger*innen des Mythos von Käptn Ludd [8] in Großbritannien und den aktuellen Kämpfen für die Befreiung der Mutter Erde im Cauca gibt es viele Gemeinsamkeiten. Die Ludditen hatten sich angesichts der Einführung der Lohnarbeit zur Aufgabe gemacht, die industrielle Maschinerie anzuzünden und zu zerstören. Mit ihren Aufständen in den Jahren 1811 bis 1812 erschütterten sie die Kapitalist*innen. Im Cauca widersetzen sich die indigenen Gemeinschaften den großen wirtschaftlichen Monopolen durch die Zerstörung von Zuckerrohrfeldern und mit Blockaden ihrer Infrastruktur. Gemeinsam ist beiden Bewegungen die Zurückweisung industrieller Formen der Produktion sowie die Praxis direkter und kollektiver Aktionen gegen die materielle Welt des Kapitals. Vor allem ist beiden aber gemein, dass traditionelle, kulturelle und kollektive Bindungen als konstante, sich erneuernde und machtvolle Quellen des Widerstands gegen das Kapital darstellen.

Die englischen Luddit*innen kämpften zu Beginn des 19. Jahrhunderts, zu einem Zeitpunkt, als die Umzäunung und Einhegung vormals kollektiven Bodens durch Gewalt, Enteignung und Vertreibung, die Ersetzung des Handwerks durch industrielle Fabrikarbeit ermöglichte. Ohne Zugriff auf Boden waren die ländlichen Gemeinschaften gezwungen, in die Städte abzuwandern. Dort waren sie den Fabrikherren ausgesetzt, für die sie, um zu überleben, lange Arbeitszeiten zu Hungerlöhnen verrichten mussten. Seitdem war die Expansion des Kapitals immer mit der Enteignung von gemeinschaftlichem Land verbunden. Das beschleunigte den Prozess der Urbanisierung und führte zur Entstehung nicht nachhaltiger Großstädte, die von Gürteln des Elends umgeben sind, während gleichzeitig das Land zu Gunsten des agro-industriellen und monopolistischen Landbesitzes unbewohnt bleibt.

Die Enteignung des Bodens machte nicht nur den industriellen Kapitalismus möglich, sie ist auch Ursache für die aktuellen Konflikte zwischen den indigenen Gemeinden der Nasa [9] und den Großgrundbesitzern, Agroindustriellen und multinationalen Bergbaukonzernen im Cauca. Es scheint, als ob der Kapitalismus in dieser Region, abseits der großen Zentren des Reichtums, noch nicht in der Lage sei, seinen endgültigen Sieg zu feiern. Er versucht sich mit aller Gewalt durchzusetzen, aber die Organisation und die Praxis des Widerstands der indigenen Bewegungen bedrohen das Monopol des Landbesitzes und behindern die Bergbauausbeutung.

Flores Magon [10] irrte nicht als er die indigenen Gemeinschaften Mexikos als eine solide Basis für den revolutionären Kampf gegen die Landkonzentration bezeichnete. Nicht umsonst erweisen sich die indigenen Kämpfe Lateinamerikas heute in der Epoche der Globalisierung als große Herausforderung für die globale Expansion des Kapitals, welches sich zur Überwindung seiner eigenen Krise Territorien und Ressourcen aneignen muss und dafür jede Zerstörung in Kauf nimmt.

Auf die Durchsetzung neoliberaler Politiken in Lateinamerika antworteten die indigenen Gemeinschaften mit unzähligen großen Mobilisierungen, Landbesetzungen, bewaffneten Aufständen, Straßenblockaden und Belagerungen von Städten: Der zapatistische Aufstand im Jahr 1994, die indigenen Kämpfe für Wasser und Gas in den Jahren 2000 und 2003 in Bolivien, die schließlich zum Sturz des Präsidenten Gonzalo Sánchez de Lozada und zum Ende der weißen Hegemonie im Land führten, die unterschiedlichen indigenen Kämpfe in Ecuador, die 1997 und 2000 zum Sturz zweier Präsidenten führten, die Kämpfe der Mapuche in Chile und Argentinien für die Wiederherstellung ihrer angestammten Territorien und die Schaffung neuer indigener autonomer Gemeinden in Mexiko sind einige Beispiele. Ausgehend vom zapatistischen Aufstand von 1994 entwickelte sich auf dem gesamten Kontinent ein Zyklus indigener Kämpfe und Mobilisierungen, der noch lange nicht abgeschlossen ist. Er gründet in den ethnischen und kulturellen Kräften dieser Gemeinschaften.

Die indigenen Bewegungen widersetzen sich nicht nur dem Neoliberalismus, sie kämpfen für die Ausweitung und Konsolidierung neuer autonomer Räume. Ihr historisches Gedächtnis ist ihr treibender Motor dafür, angestammte Territorien und Praktiken wiederherzustellen, Enteignungen, die Herrschaft des Kapitals und des Großgrundbesitzes rückgängig zu machen. Dies trifft auch auf die Kämpfe im Cauca zu, die seit Beginn ihres letzten Mobilisierungszyklus im Jahr 2014, das Eigentum von großen agro-industriellen Konzerne, wie „Ingenio Castilla“ und „INCAUCA“, herausfordern.

Wenn der Ursprung des Kapitalismus in der Enteignung des Bodens zu suchen ist, dann folgt der indigene Kampf im Cauca der entgegengesetzten Richtung zur historischen Entfaltung des Kapitalismus. Bezugnehmend auf die wiederkehrende Erfahrung der Nasa könnte man sagen, dass der Kampf für den Boden rückwärts gerichtet ist. Er tendiert dazu den Prozess der Enteignung umzukehren, der dem Kapitalismus zu Grunde liegt. Der direkte Angriff auf die Basis der Kapitalakkumulation verliert sich nicht in Wahlstrategien und wartet auch nicht auf eine Agrarreform. Die Autonomie der Nasa ist kein Geschenk des Staates. Sie greifen die Wurzeln des Kapitals auf positive Weise an, indem sie für eine Wiederherstellung des kollektiven Eigentums an Boden kämpfen und zugleich Räume für eine autonome Nahrungsmittelversorgung, Politik, Justiz und Kultur der Gemeinschaften eröffnen.


Anmerkungen:

[1] Vgl. David Harvey (2005): Der neue Imperialismus, VSA Verlag.

[2] Vgl. Silvia Federici (2012): Caliban und die Hexe, Mandelbaum Verlag.

[3] Z.B.: Vortragsreihe „Die unheimliche Akkumulation“ der jour fixe initiative, Berlin 02.07.2015.

[4] Ein gutes Beispiel dafür ist der Extraktivismus von Rohstoffen, z. B. durch Fracking in den USA oder die Eröffnung neuer Großprojekte zum Goldabbau in Nord-Griechenland.

[5] Vgl. Centro de Memoria História (2012): Nuestra Vida Ha Sido Nuestra Lucha – Resistencia Y Memoria En El Cauauca Indígena.“

[6] Heute ist Kolumbien der zweitgrößte Produzent von Zuckerrohr in Lateinamerika.

[7] Eine spanische Historie des Movimiento Armado Quintín Lame(Bewaffnete Bewegung Quintin Lame).

http://www.indepaz.org.co/wp-content/uploads/2013/11/encuentro-izquierdas.pdf

[8] Ned Ludd war der fiktive Anführer der Luddit*innen, britischer Maschinenstürmer*innen, die Anfang des 19. Jahrhunderts gegen soziale Verelendung und Industrialisierung aufbegehrten.

[9] Die Nasa leben überwiegend im Departemento Cauca im Südwesten Kolumbiens sowie den angrenzenden Departamentos. Mit rund 120.000 Menschen, die sich als Nasa verstehen, sind sie eine der größten indigene Gruppe Kolumbiens. Sie gelten als sehr widerständig und haben eine lange Tradition von Kämpfen.

[10] Anarchistischer Theoretiker und Aktivist der revolutionären mexikanische Bewegung Anfang des 20. Jahrhunderts. Magón war Gründer der Partido Liberal Mexicano und Mitglied der Industrial Workers of the World.

Spanisches Original:

http://www.cric-colombia.org/portal/tierra-cultura-autonomia-indigena-posible-revertir-capitalismo

 

 

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