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Von Alejandra Correa / Zeitschrift desde abajo

Der spanische Originaltext wurde am 22. März 2018 auf der Internetplattform desde abajo veröffentlicht: https://www.desdeabajo.info/colombia/item/33786-nos-estan-matando-que-la-paz-no-nos-cueste-la-vida.html;

Am 15. März haben die Organisationen Corporación Jurídica Libertad, Coordinación Colombia Europa Estados Unidos (CCEEU) und Nodo Antioquia 2017 einen Bericht zu den schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen durch illegale bewaffnete Gruppen im Nordosten des kolumbianischen Departamentos Antioquia vorgestellt. Darin dokumentieren sie die Verfolgung, Belästigung und den Mord an Aktivisten, Bäuerinnen, Afro-Kolumbianern und Indigenen in Antioquia, konkret im Norden und in der Region Bajo Cauca sowie das Stillschweigen und die Komplizenschaft seitens der lokalen, departementalen und nationalen Behörden. Der Bericht trägt den Titel „Die Präsenz von paramilitärischen Gruppen und einige ihrer Dynamiken in Antioquia“.

Nach Angaben des Berichts sind in 96 Prozent der Gemeinen Antioquias paramilitärische Gruppen präsent, was bedeutet, dass derzeit 121 Gemeinden unter Zusammenstösse zwischen illegalen bewaffneten Gruppen, wie die Autodefensas Gaitanistas de Colombiai, leiden. Gemäß des Registers der Unidad para las Victimas aus dem Jahres 2017 gibt es in Antioquia 1.642.778 Opfer des bewaffneten Konfliktes, was einem Viertel der Bevölkerung des Departaments entspricht. Dies beweist, dass sich die paramilitärischen Gruppen in der Region, trotz ihrer offiziellen Demobilisierung [im Jahr 2006] und dem Friedensabkommens mit der FARC, in der Region konsolidieren konnten (vgl. Tabelle).

Tabelle: Ausbreitung und Dominanz von bewaffneten, illegalen Strukturen in Antioquia

Illegal bewaffnete Gruppierung

Anzahl dominierte Gemeinden

Clan del Golfo / Urabeños / AGC

97

OVA

27

Andere nicht bestimmte paramilitärische Strukturen

19

Clan Isaza

14

Pachelly

11

ACN

9

Los Chatas

6

Los Triana

5

Nueva Generación

4

La Mano que Limpia

3

Los Rastrojos

2

Águilas Negras

2

Convivir-Gruppierungen in Medellín

35 Gruppen

Sie werden sich fragen, weshalb diese Sihouetten vor ihnen stehen und warum Sie die verschiedenen sozialen Aktivistinnen und Menschenrechtsverteidiger, die aus diversen Territorien und Gemeinden dieser Zone des Departamentos kommen, nicht sehen können. Der Grund ist so einfach, wie er schmerzhaft ist: weil sie uns töten“. Mit dieser Deklaration begann die Vorstellung des Berichts, vor den Silhouetten der Aktivist*innen, die seit 2016 ermordet wurden.

Hinter den Silhouetten und verborgen vor den Augen der Medienvertreter*innen, befanden sich sieben soziale Aktivist*innen aus verschiedenen Zonen des Departements. Sie forderten vom Staat Garantien ein, welche dieser ihnen bisher immer verweigert hatte und klagten seine Versäumnisse und Komplizenschaft mit den paramilitärischen Gruppen an.

Nach Angaben eines der Aktivisten „sind im Jahr 2018 massive Vertreibungen von indigenen und bäuerlichen Gemeinschaften im nördlichen Teil und in der Region Bajo Cauca zu beobachten. Besonders ist dies in Cáceres der Fall, wo um die 1.500 Personen ihre Häuser verlassen mussten. Hinzu kommen die schleichenden Vertreibungen in Tarazá durch konstante Konfrontationen zwischen den paramilitärischen Gruppen Autodefensas Gaitanistas de Colombia (AGC) und Caparrocos. Außerdem wurden in Ituango seit Jahresbeginn 2017 mehr als 215 vertriebene Personen registriert“.

Die Realität ist jedes Mal mal schwieriger zu verbergen. Die Warnungen vor Risiken sind nicht ausreichend und bis heute wurden schon 338 Indigene aufgrund der Auseinandersetzung zwischen den Dissidenten der FARC und den Autodefensas Gaitanistas de Colombia vertrieben – so berichten die anwesenden Aktivist*innen. Die Kontrolle des Gebietes und die Einschließung der Bevölkerung ruft in Gebieten wie Ituango, El Aro, Sant Rita, la Granja, Tarazá, la Caucana, El Cinco, El Doce, Puerto Antioquia und Valdivia nachts ein Gefühl der Angst hervor.

Nach einem von den Aktivist*innen verlesenen Kommuniqué, „werden in den Gemeinden Tarazá und Valdivia konstant Kämpfe zwischen der AGC und den Caparracos beobachtet. Besonders in den Gebieten von Cañon de Igesia, in La Caucana, El Doce, El Catorce und El Quince führen die paramilitärischen Strukturen offene Patrouillen durch. Laut des Berichts kann man dort uniformierte Personen mit kleinen und großen Waffen beobachten, dies trotz der Präsenz von Militär und Polizei in diesen Zonen. Außerdem haben die Erpressungen durch paramilitärische Gruppierungen in dieser Zone zugenommen, speziell dort wo die AGC präsent ist. Bäuer*innen müssen pro Hektare Land und Liter Milch bezahlen. Auch lokale Geschäfte und Baufirmen müssen zahlen. Die Arbeiter*innen von Firmen, die sich weigern zu bezahlen werden zum Teil von den Paramilitärs angegriffen .

Dass die Arbeit der Menschenrechtsverteidiger*innen im ganzen Land gefährlich ist, beweist die große Anzahl an ermordeten Aktivist*innen in den vergangenen Jahren – genauer nach Unterzeichnung des Friedensabkommens mit der FARC. In Antioquia wurden im Jahr 2017 vier soziale Aktivist*innen ermordet. Im Laufe des Jahres 2018 wurden bereits 11 Attentate verübt, darunter zwei Morde in Cáceres und Caucasia. Das Problem ist so groß, dass der Procurador Fernando Carilloii am vergangenen 20. März zugeben musste, dass der Schutz der sozialen Aktivist*innen nicht funktioniert und dass es dringend notwendig sei Maßnahmen zu ergreifen um die Morde zu stoppen: „Es ist unerhört und unzulässig, dass an einem Ort wie Tumaco, welcher – mit dem Ziel den Schutz der Bevölkerung zu garantieren – militarisiert wurde, die Tötung der Aktivisten nicht verhindert wird. Ich fordere die lokalen und regionalen Autoritäten auf, ihre Verpflichtungen zum Schutz des Lebens der Aktivisten wahrzunehmen“ (vgl. Abbildung).

Abbildung: Anzahl paramilitärischer Gruppen in den verschiedenen Gemeinden von Antioquia*

tabelle.gemeinden

* Erklärung zur Tabelle: Linke Spalte: Anzahl der Gruppen, d.h. Präsenz von 1, 2 oder 3 oder mehr paramilitärischen Gruppen; Rechte Spalte: Gemeinden des Departaments Antioquia

Die Territorien, welche am meisten bedroht sind, sind diejenigen in denen sich die Gemeinschaften organisiert haben und die Implementierung des Friedensabkommens und die Substitution der illegalen Pflanzungeniii verlangen. Jedoch wissen die Aktivist*innen, dass sie bei den lokalen Behörden keine Anzeigen machen können. Sie haben kein Vertrauen zu den Behörden, welche eine Komplizenschaft mit den paramilitärischen Gruppierungen pflegen. Hierdurch wird die Würde und Arbeit als Verteidiger*innen der fundamentalen Menschenrechte stark eingeschränkt, „obwohl wir gewarnt haben, dass die Bedrohung in diesen Gebieten wegen einer hohen paramilitärischen Präsenz und den fortbestehenden Verbindungen zur Staatsgewalt und zivilen Autoritäten groß ist. Auch angesichts der Nichterfüllung des Friedensabkommens und der Leugnung der Systematik der Gewalt durch die Regierung, hat der Staat keinen Willen gezeigt diese Sachen anzugehen. Für die Lage der Menschenrechte ist das gravierend. Es muss betont werden, dass auch die kürzlich veröffentlichten Berichte des Frühwarnsystems der Defensoría del Pubelo de Antioquiaiv, welche auch der Nationalen Regierung bekannt sind, auf diese schwerwiegenden Verletzungen der Menschenrechte hinweisen. Zusätzlich wird den lokalen, departamentalen und nationalen Autoritäten eine Reihe von Massnahmen empfohlen, um die Bewohner*innen dieser Gebiete zu schützen“ .

Angesichts der gravierenden Verletzungen ihrer Rechte präsentierten die Aktivist*innen folgende Forderungen ihrer Gemeinschaften:

  • Garantie des Schutzes der Bevölkerung

  • Erfüllung oder Umsetzung des Friedensabkommen, u.a. auch die Auflösung der paramilitärischen Strukturen

  • Den Schutz der Verteidiger der Menschenrechte

  • Untersuchung und Bestrafung der Beziehungen von Staatsvertretern zu Paramilitärs, ebenso wie von Handlungen oder Unterlassungen, die schwere Menschenrechtsverletzungen zur Folge haben

DASS DER FRIEDEN UNS NICHT DAS LEBEN KOSTET!

Anmerkungen:

i [*Die Autodefensas Gaitanistas de Colombia sind eine Nachfolgeorganisation des 2005 aufgelösten paramilitärischen Dachverbandes AUC.]

ii [*Die Procuradoria ist eine Instanz des kolumbianischen Staates zur Kontrolle von Personen in öffentlichen Ämtern und staatlichen Institutionen]

iii [*Koka, Mohn, Canabis]

iv[*Die Defensoría del Pueblo ist eine Institution des kolumbianischen Staates zum Schutz der Rechte der Bevölkerung.]

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