Der spanische Originaltext ist am 6. Mai 2018 auf Colombia Informa erschienen.
Übersetzung: Hans-Peter Schmutz

Zurzeit findet im Gebiet des Bajo Cauca (1) ein Krieg statt. Zwei paramilitärische Gruppierungen streiten sich um ein Territorium, in dem bis vor Kurzem Ruhe zu herrschen schien. Mehrere Blöcke der Autodefensas Gaitanistas de Colombia (AGC) – auch Clan de Golfo genannt – kämpfen um ein Gebiet, welches sie sich jahrzehntelang mit den Los Caparrapos, einer anderen paramilitärischen Gruppe, teilten.  

Bis zum vergangenen Jahr waren diese beiden Gruppen Partner. Sie führten ihre Aktionen so durch, dass die Grenzen der jeweils andern Gruppe respektiert wurden. Doch verkaufte Los Caparrapos ihre Zone an La Oficina de Envigado (2), ein Geschäft, welches dem Clan de Golfo nicht gefiel.

Leidermann Ortíz, ein Journalist aus der Region, der sich mit besagten bewaffneten Gruppen, ihren Verbindungen zu den staatlichen Institutionen und ihren Konflikten auskennt, versichert, dass der oben erwähnte Verkauf der Auslöser für die kriegerischen Auseinandersetzungen war, unter denen die Region jetzt leidet.

Das Gebiet, um welches gekämpft wird, leidet an Gold, dem Anbau von Koka und Laboratorien um lezteres zu verarbeiten. Gleichzeitig ist es ein Korridor, welcher das Valle de Aburrá (3) mit der Küste verbindet und sich zum Transport von Drogen eignet.

Die Auseinandersetzung um dieses Gebiet hat Geschichte: Hier waren Aufständische, wie die bis vor kurzem bestehenden Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia (FARC), die Ejército de Liberación Nacional (ELN) und paramilitärische Gruppen, wie die Autodefensas Unidas de Colombia (AUC), präsent. Als Letztere sich in den Jahren 2003 bis 2006 offiziell demobilisierten, formierten sich neue Gruppen, die sich dort heute mit Gewalt zu etablieren versuchen.

Aufgrund dieses Krieges steigt die Anzahl der Opfer konstant. Am 15. April diesen Jahres meldete die siebte Division der Streitkräfte in Taraza acht Tote, die durch Gefechte ums Leben gekommen sind. Wenige Stunden danach wurde der Tod zweier Frauen und eines Mannes gemeldet. Die Kämpfe haben noch kein Ende gefunden, unter Umständen auch das Morden nicht.

Zwischen dem 1. Januar und dem 10. April wurden in Antioquía 662 Morde gemeldet, davon 111 im Gebiet des Bajo Cauca. Und obwohl die Kämpfe weitergehen und die Zahl der Toten steigt, werden viele der Toten weder erfasst noch in den Medien erwähnt. Einwohner*innen der Zone versichern, dass in den letzten Monaten verschiedene ermordete Personen einfach verschwunden seien.

Unter den getöteten Personen sind speziell die sieben sozialen Aktivist*innen zu erwähnen, welche in diesem Jahr in Antioquía ermordet wurden.

Der Krieg zwischen den Gruppen hat diejenigen ausgelöscht, die in ihren Territorien Widerstand leisteten, und diejenigen vertrieben, die sie bewohnten. Mehr als 2.000 Personen sind in Anbetracht der Gewalt in die Zentren ihrer Gemeinden oder nach Medellín geflohen.

Olga ist eine von ihnen. Wie viele andere floh sie vor dem Tod, der sie erwartet hätte, wenn sie in ihrer Wohnung geblieben wäre, sagt sie. Olga war eine soziale Aktivistin in ihrer Gemeinschaft:   Seit 2008 war sie Vorsitzende des lokalen Aktionsrats (Junta de Acción Comunal) ihrer Nachbarschaft in der Gemeinde Valdivia – bis zu dem Zeitpunkt, als sie gehen musste.

Olga, eine vertriebene Aktivistin 

Alles begann eines Samstags nachts, als Olga in ihrem Bett schlief. Als sie Schüsse auf ein Haus, zwei Häuser neben dem ihren hörte, warf sie sich zu Boden. Sie hatten einen Jugendlichen getötet und Olga wurde – in ihrer Eigenschaft als Präsidentin des lokalen Aktionsrats – gefragt, ob sie die Leichenbescheinigung ausstellen könne.

Als sie bei der Polizei vorsprach, wurde sie gefragt, ob sie wisse, wer den Jugendlichen ermordet habe – sie sagte Nein. Die Version, welche zu den AGC [Autodefensas Gaitanistas de Colombia] gelangte, war eine andere: Sie habe ausgesagt, dass „die Polizei wisse, wer in dieser Zone das Sagen hat und dass diese Personen für den Mord verantwortlich seien“.

Der selbe Polizeikommandant bestätigte, dass er gehört habe, dass sie – als Präsidentin des lokalen Aktionsrats – versuchen würde, in ihrer Nachbarschaft Strategien für die Sensibilisierung der Jugendlichen bezüglich des Konsums von Drogen einzuführen. Auch diese Information gelangte denjenigen zu Ohren, welche den Drogenhandel in der Region kontrollieren, und sie gefiel ihnen nicht.

 

Acht Tage später kamen einige Mitglieder der bewaffneten Gruppe in einen Laden, in welchem sich Olga gerade aufhielt und fragten nach einem Jugendlichen, dem Sohn der Besitzerin. Sie sagte, dass sie nicht wisse wo er sei. Als der Junge zurückkam, erzählte sie ihm, dass er gesucht werde. Er antwortete, dass auch sie gesucht werden, um ein Attentat auf sie zu verüben. Olga sagte dazu nichts, es war nicht ihr Problem.

Als die AGC erfuhren, dass Olga vom einem geplanten Attentat wusste, verhörten sie sie, weil sie sie nicht gewarnt hatte. „Ich arbeite nicht für euch, ich bin eine Community-Aktivistin, ich arbeite mit der Gemeinschaft und für keine Gruppe“, antwortete sie.

Im Bajo Cauca haben Aktivist*innen zwei Optionen: Mit den Gruppen zusammenarbeiten oder Widerstand leisten und die Konsequenzen tragen. Einige Tage später suchte sie ihr Bruder auf, um ihr etwas Wichtiges mitzuteilen: „Du hast ein Problem, sie werden dich töten, du musst gehen“.

Olga lief es kalt den Rücken hinunter, die Hände erstarrten, sie fühlte nichts. Sie ging nach Hause und schloss sich mit ihren drei Kindern für drei Tage ein. Ohne Hunger und ohne Schlaf lag sie drei Tage wach im Bett. Ihr Bruder kochte an ihrer Stelle für die Kinder, alles hinter heruntergelassenen Vorhängen. Sie sprachen nur leise, damit niemand wusste, dass sie hier waren.

Durch eine Unachtsamkeit der Männer, welche ihr Haus überwachten, konnte Olga mit einem Auto entkommen. Das Auto wurde von einer Organisation –  deren Namen aus Sicherheitsgründen nicht genannt werden kann  – zur Verfügung gestellt. Olga und ihre Kinder konnten so aus ihrem Haus entkommen, jedoch ohne Aussicht darauf zurückzukehren. Sie mussten fast alle ihre Habseligkeiten sowie ihre Vergangenheit zurücklassen.

***

Das Übel der Vertreibung

Der sicherste Ort für viele dieser Vertriebenen ist Medellín. Allein in diesem Jahr sind 3.258 vertriebene Personen aus dem ganzen Departement in der Hauptstadt Antioquías angekommen. 53 Prozent dieser Menschen kommen aus dem Bajo Cauca. Olga, ihre Familie und mehr als 1.830 Personen sind aus dieser Region dorthin geflüchtet.

Die Vertreibung war ein großes Übel für Olga. Bei der Opfervereinigung des kolumbianischen Staates (Unidad para las Víctimas) sagte man ihr, es gebe keine Information und kein Geld und man könne nichts für sie tun. In dem Viertel, in dem sie sich niederließ, wurde ihr 21-jähriger Sohn von der Polizei schikaniert, nur weil er Vertriebener ist. Sie sagten ihm, dass er nur deshalb vertrieben worden sei, weil er ein „Para“ sei und dass man die Paramilitärs verschwinden lassen müssen.

Ihr 14-jähriger Sohn verlernte das Lesen und Schreiben, eine posttraumatische Reaktion auf die Vertreibung. Er musste die Schule von neuem beginnen.

Niemand wollte ihr ein Zimmer vermieten, weil sie „Vertriebene“ ist und weil bekannt ist, dass die Entschädigungsleistungen, von denen sie die Miete zahlen wird, nicht pünktlich eintreffen. Tatsächlich kommt dieses Geld niemals pünktlich an.

Gemäss dem Gesetz 1448 von 2011 (Opfergesetz) haben Vertriebene alle drei Monate Anspruch auf eine Entschädigungszahlung. Zuletzt hat Olga im November Geld erhalten, danach kam bis zum heutigen Tag (im Monat Mai) nichts mehr.

Sie würde arbeiten, wenn sie könnte, aber sie hat eine 16-jährige Tochter mit Down-Syndrom, welche Hilfe beim Essen braucht, beim Toilettengang, beim Waschen und bei fast allen anderen Tätigkeiten. Von Zeit zu Zeit putzt Olga Wohnungen, jedoch nur dort, wo sie ihre Tochter mitnehmen kann. Ohne regelmäßiges Einkommen kann sie keine Miete bezahlen.

In Medellín fühlt sie sich sicher. Es ist eine große und teure Stadt. Es ist schwer sie dort zu finden, aber es ist auch schwer dort ohne ein Einkommen zu überleben. Weil sie ihre Miete nicht mehr bezahlen konnte musste sie vor drei Monaten in das Haus einer Nichte ziehen, welche für einige Monate im Ausland lebt. Noch bleiben ihr drei Monate, danach muss sie sich eine neue Bleibe suchen.

***

Soziale Aktivist*innen: störend für die Mächtigen

Für sie ist es undenkbar nach Valdivia zurückzukehren. Sicher würde sie umgebracht. Ihre Arbeit im lokalen Aktionsrat, im Komitee der Kokabäuer*innen, als zivilgesellschaftliche Beobachterin in der Veeduría Ciudadana und als Aktivistin für die Vernichtung von illegalen Pflanzungen, steht im Widerspruch zu den Interessen der AGC und der lokalen Institutionen.

Im Jahr 2008 begann Olga an der Vernichtung von illegalen Pflanzungen in ihrer Nachbarschaft zu arbeiten. Sie selbst zerstörte drei Hektar Koka, welche zuvor den Lebensunterhalt ihrer Familie sicherten. Sie tat dies im Vertrauen in das Nationale Programm zur Substitution illegaler Pflanzungen. Dieses vergibt Zuschüsse, die den Familien helfen sollen, ihren Unterhalt bis zur ersten Ernte nach der Ausrottung der Pflanzen zu sichern. Die Unterstützung kam jedoch nie an, weil die mit der Ausführung des Programms beauftragte Nationale Föderation der Kakao-Bauern (Fedecacao) nur Samen und Werkzeuge zur Verfügung stellte: Das Geld für den Lebensunterhalt der Familien ging verloren.

Trotzdem beteiligten sich 17 Familien an dem Programm und begannen mit der Vernichtung der Koka-Pflanzen. Olga verwaltete die Liste der beteiligten Personen. Als sie noch in Validiva lebte, kamen deshalb Mitglieder der AGC zu ihrem Haus und verlangten die Herausgabe der Liste, was Olga ihnen verweigerte.

Das Komitee der Kokabäuer*innen organisierte für die Aktivist*innen jeder Nachbarschaft der Gemeinde Verhandlungstische, an denen das Sekretariat der Regierung Antioquías, ein Oberst der Polizei von Antioquía und ein Oberst des Militärs teilnahmen. Dieses Gremium traf sich wöchentlich und insgesamt sieben Mal, um mit den Bäuer*innen der ganzen Gemeinde die Bedingungen für die Vernichtung der Kokapflanzen zu vereinbaren.

Der Prozess [der Ersetzung der Koka-Pflanzen] verzeichnete gute Fortschritte, bis das Sekretariat der Regierung von Antioquía gegenüber den Medien sagte, dass man sich mit Anführern der Guerilla treffe, um den Prozess der Vernichtung der Koka-Pflanzen zu besprechen. Diese Verlautbarung gefiel der Gemeinschaft nicht: Die Kriminalisierung der Bauernschaft empörte sie und hatte schließlich den Abbruch aller laufenden Verhandlungen zur Folge.

Gleichzeitig hatten einige Familien bereits die Kokapflanzen von ihren Parzellen entfernt und begannen damit Kakao auf den Flächen zu säen, die die kolumbianische Regierung der Gemeinde für diesen Zweck zur Verfügung gestellt hatte.

Doch ihr Glück währte nicht lange: Der damalige Bürgermeister von Valdivia, Mauricio Gómez, belehnte das Terrain mit einer Hypothek von 80 Millionen Pesos (4), und es ist bis heute unbekannt, was mit diesem Geld geschah. Zwar wurden Anzeigen erstattet, welche aber nicht weiter verfolgt wurden. Verlierer*innen waren die Bäuer*innen, welche nun auf einem Grundstück Landwirtschaft betrieben, dessen Besitzverhältnisse ungeklärt sind.

Auch ohne die notwendigen Bedingungen und Garantien für die Substitution ihrer Pflanzungen, unterstützte und begleitete Olga diesen Prozess bis sie vertrieben wurde. Dass sie ihre Gemeinschaft dabei anführte und sich für die Ausrottung der Koka-Pflanzungen einsetzte, kostete sie ihr Leben, wie sie es kannte.

Ähnlich wie viele andere Vertriebene aus der Region, sieht sich Olga mit einer unsicheren Zukunft konfrontiert; auf eine vierteljährige Entschädigung wartend, die nicht eintrifft, und mit der Angst,  dass diejenigen, die sie töten wollen, sie finden. „Manchmal denke ich, dass ich gerne an einen Ort ginge, an dem niemand mich kennt und wo ich die Tage, welche ich noch vor mir habe, in Frieden leben könnte“, sagt sie.

*Der richtige Namen von Olga wurde aus Sicherheitsgründen geändert. 

[ ] eckige Klammern: Anmerkung des Übersetzers


Fußnoten:

(1) Der Bajo Cauca ist eine Region im Nordosten des Departamentos Antioquia. Hier leben rund 230.000 Menschen auf einer Fläche die fast viermal so groß ist wie das Saarland.

(2) La Oficina de Envigado ist eine narco-paramilitärische Gruppe aus Medellín. Sie wurde in den 1980er Jahren gegründet und führte damals Auftragsmorde für Pablo Escobars Medellín-Kartell durch. Nach dem Tod Escobars im Jahr 1993 übernahm La Oficina einen großen Teil des Drogen- und Schutzgeldgeschäfts in und um Medellín.

(3) Das Valle de Aburrá ist das Tal im Zentrum Antioquías, in dem die Millionenstadt Medellín liegt.

(4) 80 Millionen kolumbianische Pesos entsprechen derzeit in etwa 24.000 Euro.

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