Autor: Sascha Jablonski

Seit nun 20 Jahren lebt Guillermo Pérez unter ständigen Bedrohungen durch paramilitärische Gruppen. Der heute 41-Jährige wurde zum ersten Mal 1997 bedroht, als er sich bei der Organisation einer Demonstration gegen das Goldabbauvorhaben eines transnationalen Unternehmens im Departament Cesar engagierte. Er selbst sagt von sich, „ich habe mich nie dazu entschieden ein politische Führungsfigur zu werden“. Als Kleinbauer hätten ihn vielmehr die Lebensumstände dazu gebracht, sich sozial und politisch zu engagieren, sowie gemeinsam mit anderen Ideen und Projekte zu entwickeln, um für das Fortbestehen und Überleben in seiner Region zu kämpfen: „Ich stand damals vor der Wahl mich mit der Zerstörung der Umwelt und meiner Lebensgrundlage durch den Bergbau einfach abzufinden, oder etwas dafür zu tun, damit meine Familie eine Zukunft in der Region hat“, sagt er heute. Damals entschied er sich dafür nicht einfach klein beizugeben, sondern für eine bessere Zukunft zu kämpfen. Trotz aller Gefahr hält er bis heute daran fest und sagt, dass er bis an sein Lebensende den Kampf für Gerechtigkeit und ein besseres Leben fortsetzen wird.

Landraub und Paramilitarismus

Das Departament Cesar, in dem Pérez lebt, ist reich an Gold, Silber, Kupfer und vor allem Kohle. Transnationale Unternehmen wie Glencore, BHP-Billiton, Xtrata, Drummond oder Anglo-American betreiben hier Bergbau in großem Stil. Mit dem Bergbau werden in Kolumbien Milliarden verdient, meistens mit verheerenden Folgen für die Bevölkerung: Landvertreibungen, massive Umweltverschmutzungen, Zerstörungen der Sozialstruktur und der ökonomischen Lebensgrundlagen. Die niederländische Nichtregierungsorganisation PAX spricht davon, dass allein im Nordosten des Departaments Cesar zwischen 1996 und 2006 3000 Personen ermordet und mehr als 55.000 gewalttätig enteignet und vertrieben wurden.i Andere Studien gehen von weit höheren Zahlen aus.ii Firmen wie Drummond und Glencore haben nachweislich hunderttausende von Dollars an die verschiedene paramilitärische Gruppen gezahlt.iii Diese gehen gewaltsam gegen Kleinbauern, Indigene und schwarze Gemeinden vor, um sich das Land anzueignen und den Widerstand gegen ökonomische Großprojekte zu brechen. Zahlen des kolumbianischen Zentrums für Erinnerung (Centro Memoria) und der Nichtregierungsorganisation CODHES zeigen, dass paramilitärische Gruppen auch nach ihrer angeblichen Demobilisierung in den Jahren 2004 bis 2006 im großen Stil Landvertreibungen durchführen.iv

Die Tageszeitung El Heraldo spricht in einem Artikel aus dem Vorjahr davon, dass allein im Cesar 315.000 Personen – also rund ein Drittel der Bevölkerung des Departaments – zu Opfern des bewaffneten Konfliktes gezählt werden. Obwohl diese ein Anrecht auf Reparationszahlungen und Wiedergutmachungen hätten wurden bis 2017 gerade einmal 800 Personen entschädigt.v

Wegen meines Engagements werde ich ständig bedroht“

Seitdem sich Peréz seit den 1990er Jahren in der Kleinbauernbewegung engagiert, sind Drohungen gegen ihn zu einem fast alltäglichen Begleiter geworden. Nachdem paramilitärische Gruppen – toleriert vom kolumbianischen Militär – Anfang der 2000er Jahre massiv in die Departaments Cesar und Bolivar eingedrungen waren, verließ er 2005 zum ersten Mal das Land. Um sich selbst und seine Familie vor den heftigen und permanenten Morddrohungen durch die Paramilitärs des Bloque Norte der AUCvi zu schützen, ging er nach Venezuela ins Exil. Nur selten besuchte er in dieser Zeit seine Familie, die in Kolumbien geblieben war. Bei einem Familienbesuch im Jahr 2007 bestätigte sich auf furchtbarste Weise die anhaltende Lebensgefahr für ihn und seine Familie: Paramilitärs, die mitbekommen hatten, dass Peréz sich in der Gegend aufhielt, suchten in der Ortschaft Sudán nach ihm. Als sie ihn nicht auffinden konnten, gingen sie zu seinem Haus, mit der Absicht seinen dreijährigen Sohn zu entführen. Während seine Frau mit einem der Paramilitärs stritt, um dies zu verhindern, erschoss ein anderer das Kind. Niemals, sagt Peréz, werden seine Frau und er über die Ermordung ihres dreijährigen Kindes hinwegkommen: „Dass war das schlimmste Ereignis in meinem Leben“.

Trotz der Ermordung seines Sohnes entschloss sich Peréz im Jahr 2010, nach 5 Jahren Exil, zu seiner Familie zurückzukehren: „Die Liebe zu meiner Familie war größer als die Angst“, erzählt er. „Meine jüngste Tochter kannte mich fast nur von Bildern“. Er zog wieder zurück in die Provinzhauptstadt Valledupar, wo er sich in verschiedensten sozialpolitischen Initiativen engagierte. Beim Arbeitskreis der Opfer von Staatsverbrechen (MOVICE) setzt er sich seitdem für Wiedergutmachungen für die Opfer staatlicher Gewalt ein. Ein besonderes Anliegen ist ihm die Rückgabe illegal angeeigneter Flächen an Vertriebene, weshalb er in der Bewegung der Arbeiter, Bauern und Gemeinschaften des Cesar (MTCC) aktiv ist. Doch das ist nicht ungefährlich: Forderungen nach Landrückgabe stoßen in Kolumbien – dem Land mit der weltweit größten Binnenlandvertreibung und der größten Landkonzentration auf dem amerikanischen Kontinentvii – auf massiven Widerstand der besitzenden Eliten. Während Urteile zur Landrückgabe von staatlichen Behörden nicht umgesetzt werden, sprich die verurteilten Verbrecher oftmals weiterhin im Besitz der Flächen bleiben, werden die Landbesetzungen zur Rückaneignung mit schärfster Repression beantwortet, wie 2016 in der Nähe von Valledupar geschehen. Dort wurden die Aktivisten teils für Monate in Untersuchungshaft genommen, berichtet Peréz – und das obwohl sie Land besetzt hatten, dass die Behörden wegen illegaler Aneignung beschlagnahmt hatten.

Aufgrund der ständigen Konfrontation mit Gewalt, Bedrohungen und staatlicher Repression, hat Peréz darüber hinaus damit begonnen sich im Rahmen der „Mesa sociales para la paz“ für einen gerechten und dauerhaften Frieden einzusetzen. Seiner Meinung nach wird es jedoch ohne Reparationen, ohne die Einbeziehung der Bevölkerung und ohne grundlegende soziale Veränderungen keinen nachhaltigen Frieden geben. Anhand seiner eigenen Biografie wird sichtbar, wie weit Kolumbien noch heute vom Frieden entfernt ist. „Mehr als 300 ermordete Aktivisten seit Unterzeichnung des Friedensvertrag“, sagt er, „zeigen dies überaus deutlich“.

Seit 2015 wird Peréz wieder massiv bedroht. Regelmäßig erhält er Kurznachrichten und E-Mails, in welchen er aufgefordert wird die Region sofort wieder zu verlassen. Sollte er diesen Aufforderungen nicht nachkommen, so drohen die Paramilitärs damit seine Kinder und seine Frau zu ermorden: „Wir werden dich zuerst zum Weinen bringen. Dann werden wir kommen um dich zu töten“. Mehrfach wurde Peréz in der jüngsten Zeit von bewaffneten und vermummten Männern auf Motorrädern bedroht, zuletzt geschehen im Dezember 2017. Anfang Januar 2018 verließ er deshalb erneut seine Familie, um sich für drei Monate in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá zu verstecken. Aufgrund mangelnder Unterstützung durch staatliche Stellen, fehlender finanzieller Mittel und Schutzzugeständnisse kehrte er im März wieder zurück.

Keine Veränderung in Sicht

Doch in Valledupar zu bleiben kommt für ihn nicht in Frage: „Mit jedem Tag, den ich hier bin riskiere ich umgebracht zu werden und bringe meine Familie in Gefahr“, berichtet Peréz ernüchtert. Vom Staat erwartet er sich keinerlei Schutz, denn in den zuständigen Behörden seien sie weder Willens seine Sicherheit zu gewährleisten, noch gegen diejenigen vorzugehen, welche für die Bedrohungen und Morde verantwortlich sind. Dies bestätigt auch die staatliche Institution zur Verteidigung der kolumbianischen Staatsbürger, die Defensoría del Pubelo.viii

Die staatlichen Stellen in Cesar lassen verlauten, dass es unmöglich sei die Autoren der Bedrohungen auszumachen, weshalb es von 2014 bis heute auch zu keinem einzigem Ermittlungsresultat kam. Die mangelnde Ermittlungsbereitschaft ist nicht verwunderlich. Wie die Stiftung Frieden und Versöhnung (Paz y Reconciliación) es ausdrückt, ist der Cesar eine „Hölle“ von Kartellen und Paramilitärs. Familienklans wie die Gneccosix, die für Paramilitarismus und Korruption bekannt sind, dominieren seit fast drei Jahrzehnten die Politik im Cesar. Zwar verbüßen ehemalige Gouverneure und Senatoren des Klans Haftstrafen, indes werden ihre Nachfolgerinnen (Familienangehörige oder Zugehörige des Klans) jedoch erneut im zukünftigen Kongress als auch in der Landesregierung vertreten sein.xHinzukommt, dass die Klans und Kartellemit ihrer Macht enormen Einfluss auf Justiz, Polizei und Militär ausüben, und diese in das Geflecht der Para-Politik einbinden. Aufgrund diesen Umstandes, ist es sehr unwahrscheinlich das sich an der Menschenrechtssituation im Cesar sobald etwas ändern wird.

Peréz wird nicht damit aufhören sich für Frieden, Menschenrechte und soziale Reformen in Kolumbien einzusetzen. Aber er denkt, dass ihm zurzeit nichts anderes übrig bleibt, als zu versuchen einen Platz in einem der internationalen Schutzprogramm für bedrohte Aktivist*innen zu bekommen und das Land zu verlassen. Nur so könne er die Sicherheit für seine Familie und sich selbst garantieren. Sollte ihm das nicht gelingen, sagt er, dann „werden schreckliche Dinge passieren“, da ist er sich ganz sicher.

ii Zahlen können bei Codhes oder auf den Internetseiten der Vereinten Nationen eingesehen werden, u.a. hier: http://www.codhes.org/~codhes/images/DOCUMENTOS-DE-INTERES/Informe_El_Toco_CODHES.pdf

iii Vgl.: Im Zuge der Friedensgespräche wurde eine Liste der Firmen veröffentlicht, welche den Paramilitarismus finanzierte und beauftragten. Für die Firma Drummund, arbeite Jbis zu seiner Ermordung orge Gnecco Chercher vom Klan der Gneccos, der als Promoter des Paramilitarismus in Cesar gilt. (https://verdadabierta.com/los-nexos-de-la-drummond-y-los-paras-segun-bam-bam/)

vi http://rutasdelconflicto.com/interna.php?masacre=83; Zum weiteren Verständnisses des Übergangs vom Paramilitarismus zum Neoparamilitarismus, den Namensumbenennungen, siehe auch: http://pacifista.co/urabenos-gaitanistas-clan-usuga-abc-de-los-nombres-que-esconden-a-los-neoparamilitares/

viii Auch die Defensoría de Pueblo kommt zu dem Ergebnis, dass die Bedrohungen und Ermordungen systematisch sein, und das die staatlichen Instanzen weder willig sind, Schutz zu gewährleisten noch eine Bereitschaft zur Eingrenzung des paramilitärischen Terrors erkennbar wäre. In diesem Zusammenhang verweist die Institution darauf , dass 2017 drei von den zwölf der im Jahr 2016 stark bedrohten Personen ermordetet worden sind. http://www.eltiempo.com/colombia/otras-ciudades/guillermo-perez-el-lider-campesino-de-cesar-que-luchas-por-el-territorio-206378

ix Paz y Reconciliación stellt auf ihren Internetseiten sehr ausführlich den Familienclan vor:

http://www.pares.com.co/mafias-y-conflicto/clan-gnecco-dona-cielo-el-infierno-del-cesar

Anhand einzelner Fälle, wie z.B. im Fall der verurteilten Ex-Gouverneure Lukas Gnecco (Cesar) und Kiko Gómez,

(Guajira) ist die Zusammenarbeit bzw. Organisation des Paramilitarismusdurch den Klan Gnecco sehr gut

dokumentiert

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